Als die Erdlinge nach Rana kamen

Als die Erdlinge nach Rana kamen

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Das Generationenschiff “Hoffnung” brach zum 10,5 Lichtjahre entfernten Sternensystem Ran auf. Der Planet Rana, der 60 Jahre zuvor entdeckt wurde — so waren sich alle einig — böte alle Voraussetzungen zum Gedeih irdischen Lebens.

Vierzehntausend Menschen brachen auf mit dem Wissen, die Erde nie mehr wieder zu sehen: Ingenieure, Wissenschaftler, Ärzte, Lehrer, Botaniker, und so weiter — alles was für den Betrieb des Schiffes benötigt wird. Es gab eine autarke Versorgung durch nachwachsende Rohstoffe; Metalle, Samen und Mikroorganismen aller Art wurden vorrätig eingelagert. Mehrere Fusionsreaktoren versorgten das Schiff mit ausreichender Energie. Die Reisenden waren so zusammengestellt, dass möglichst eine genetische Vielfalt über einen langen Zeitraum gewährleistet war.

Was lief schief?

Um diese Frage zu beantworten, beginnen wir am besten ganz am Anfang, als die Menschheit endgültig merkte, dass sie am Ende war. Der große Ausverkauf — wie wir die Phase zwischen dem 20. Jahrhundert und 2073 nennen — bescherte den Menschen einen unglaublichen Reichtum an Waren, welche von jetzt auf gleich nicht mehr verfügbar waren und die Welt versank in Anomie. Die Weltbevölkerung wurde von einem Schlag auf den nächsten dezimiert. Staatenähnliche Gebilde entstanden und zerfielen in einer Dynamik, die keine Sesshaftigkeit mehr zuließ. Wie grasende Weidetiere zogen diese Nomadenstaaten durch die Reste der Zivilisation. Die Meere waren überfischt und vergiftet, viele Gebiete radioaktiv verstrahlt; das gesamte natürliche Gleichgewicht war in einer extremen Schieflage und die Sonne schien ohne Erbarmen auf die staubige, rissige Erde. Nach Regen sehnte sich niemand; denn statt wie unter einer langersehnten Dusche im Regen zu tanzen, suchten die Menschen Schutz vor ihm.

Es gab allerdings Strömungen, die den unaufhaltsamen Kollaps der Natur und der Weltwirtschaft kommen sahen. Gut, dazu brauchte es nicht viel Fantasie, aber diese Leute schlossen sich zum Projekt “Ausweg” zusammen. Dieses internationale Team baute das Generationenschiff “Hoffnung” über Jahrzehnte hinweg, schickte unzählige Missionen in den Orbit, wo das Schiff zusammengebaut wurde. Nach und nach wurden immer mehr Menschen und Material auf das Schiff gebracht, bis es schließlich so weit war und das Schiff auf die Reise geschickt werden konnte.

Die Antwort

Und hier kann die Frage nach dem ‘Was lief schief?’ beantwortet werden: Es war zu wenig und zu spät. Das ganze System wurde eifrig zusammengebaut und lediglich einigen rudimentären Machbarkeits- und Sicherheitstests unterzogen. Die Forschung bezüglich langfristigen Lebens in der Schwerelosigkeit kam auch nie über die Kinderschuhe hinaus. Das ganze Projekt war zum Scheitern verurteilt.

163.339 Erdenjahre später stehe ich hier und protokolliere den Verlauf der Reise jener Terraner. Wir fingen das Schiff ein und brachten es in einen Orbit. So konnten wir einige Erkenntnisse sammeln: Einhundertfünfzehn Jahre nach Aufbruch der “Hoffnung” war der letzte menschliche Reisende vergangen. Eine seltsame Krankheit hatte die Menschen befallen. Auch gibt es Anzeichen für tödliche Konflikte auf dem Schiff. Dennoch brachte der Mensch terranisches Leben zu unserem Planeten. Einige Pflanzen- und Insektenarten hatten die Reise unbeschadet überstanden.

Und so endet die Geschichte vom Menschen und seiner unzähmbaren Wissbegierde; von einer Spezies, die ihr ganzes Wissen und ihre letzte Kraft aufbrachte, um eine Kakerlakenkolonie nach Rana zu bringen.

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